Geschichte
Herkunft
Das Klöppeln verbreitete sich etwa im 16. Jahrhundert mit dem Niedergang des Bergbaus im Erzgebirge. Der Sage nach hat Barbara Uthmann dieses Handwerk von einer um ihres Glaubens willen verfolgten Brabanterin gelernt und es weitergelehrt.
Barbara-Uttmann-Denkmal, Markt Annaberg

Die Herstellung der Spitzen wurde über das Verlagssystem organisiert. Vom Verleger erhielten die Klöpplerinnen und Klöppler Mustervorlagen und Garn. Geklöppelt wurde nach ausländischem Vorbild in Heimarbeit. Den Vertrieb der Erzeugnisse übernahmen Spitzenhandlungen.

In Sachsen wurden selten eigene Spitzen entwickelt, sondern hauptsächlich Mechelner und Chantillyspitzen nachgearbeitet. Oft wurden sie dabei vergröbert, so daß sie auf dem Weltmarkt zu keinem hohen Ansehen kamen und oft unter falschem Namen gehandelt wurden.

Klöppelschulen


Klöppelstube im Erzgebirge um 1909, ausgestellt von der Kgl.-Sächsischen Spitzenklöppelmusterschule zur 1. Deutschen Spitzenausstellung in Leipzig 1909
Um diesem Mißstand abzuhelfen, wurde auf Anregung des Gewerbelehrers Julius Paufler 1877 die Königlich-Sächsische Spitzenklöppelmusterschule in Schneeberg gegründet. In einem dreijährigen Kurs wurden Lehrerinnen ausgebildet, die an unter staatlicher Aufsicht stehenden Klöppelschulen überall in Sachsen eingestellt wurden. Später wurden auch Musterzeichner und Spitzenentwerfer ausgebildet.

Die Klöppelschülerinnen erstellten sich häufig eigene Musterbücher mit Erläuterungen der Schläge und Klöppelbeispielen.


Aus dem Musterbuch einer Klöpplerin von 1909

Auch für das Erzgebirge wurden die 2 bis 3-fache billigeren Maschinenspitzen zur Konkurrenz. Eine Antwort war die Entwicklung einer eigenen, als «Schneeberger Spitze» bekannt gewordene Spitze, die nicht auf Maschinen gearbeitet werden konnte und so Handspitzen eindeutig identifizierte. Sie beinhaltet Elemente des Jugendstils. Der Einsatz weniger Paare erlaubt ihre schnelle und preiswerte Fertigung.
Schneeberger Spitze
© Petra Pönisch

Um 1900 waren im Erzgebirge und Österreich 35.000 bis 40.000 Heimarbeiterinnen mit der Herstellung von Spitzen beschäftigt.


Preisliste von 1909

Nach dem 2. Weltkrieg wurde kaum noch zum Verkauf geklöppelt. Durch die eigene Nutzung der Klöppelarbeiten entwickelte sich ein schönes Hobby.

In den Jahren der DDR konnte die erzgebirgische Spitze ihren Charakter bewahren. Hier wurden und werden nicht die feinen ausländischen Spitzen, sondern Deckchen, Kanten und figürliche Darstellungen mit gröberen Garnen in typisch erzgebirgischer Guipure gearbeitet.

Klöppelspitzenhändler

Auf der Suche nach dem Ursprung der Klöppelspitze in meiner Heimatstadt Schneeberg lernte ich Frau Esther Ahnert, geb. Matthes, Jahrgang 1928 kennen.

Der Faszination der Spitze erlegen, gründete ihr Großvater, Ernst Julius Hermann Matthes um 1870 ein Unternehmen der Handklöppelspitze. Ihr Vater, Martin Walter Matthes, übernahm ab 1923 die Firma. Von 1950 bis 1990 führte Frau Ahnert die Geschäfte weiter.

Um das Unternehmen führen zu können, mußten Ernst Julius Herrmann Matthes und Martin Walter Matthes den Rat der Stadt Schneeberg um das Bürgerrecht ersuchen. Ernst erhielt den Bürgerschein am 28. Februar 1867 und Martin am 14. November 1906.

Das Unternehmen kaufte Handklöppelspitzen auf. Einige Spitzen wurden in einer eigenen Näherei konfektioniert. Von dort aus wurden die Spitzen bis etwa 1939 in Deutschland und die gesamte Welt versandt.

Die Spitzenfabrikanten hatten es nicht leicht. Es gab etwa 20 derartige Unternehmen im Erzgebirge, allein 4 in Schneeberg. Die Erzgebirgische Handklöppelspitzen mußten in aller Welt angepriesen werden. Mehrmals in seinem Leben reiste Ernst Julius mit dem Pferdewagen bis nach Petersburg. Oder er zog mit dem Rucksack über das Land um die Spitzen aufzukaufen. Später kauften Faktore in den Orten die Spitzen bei den fleißigen Klöpplerinnen. Diese fertigten die herrlichen Arbeiten oft ohne große Ausbildung, meist nur nach der Überlieferung von Großmutter und Mutter.

Mitte der 30er Jahre gab es einen spürbaren Aufschwung im Spitzenhandel. Das Unternehmen wurde weltweit bekannt.

Mit Kriegsausbruch mußte das Unternehmen seine Tätigkeit einstellen, konnte sie nach 1945 wieder aufnehmen. Der Betrieb beschäftigte überwiegend in Heimarbeit seine eigenen Klöpplerinnen im gesamten erzgebirgischem Raum. Zweimal jährlich zur Leipziger Messe stellte der Spitzenbetrieb seine Produkte aus. Über Vertreter wurde die Ware für das nächste halbe Jahr geordert.

Im Jahre 1972 ging der Betrieb in Volkseigentum über. Der Beruf des Vertreters wurde abgeschafft. Die Spitzen wurden nun direkt von den Klöpplerinnen aufgekauft. Jeder Ort wurde einmal im Monat angefahren. In den Gaststätten kam es zu großen Treffen. Die Klöpplerinnen erhielten neues Garn, welches genau abgewogen wurde. Auf der Messe galt es, die Einkäuferinnen der volkseigenen Betrieben von den Spitzen zu überzeugen. Aber auch Kunstgewerbe-Geschäfte konnten die fertigen Spitzen kaufen.

Im Jahre 1980 wurde der Betrieb an den Betrieb der Handklöppelspitze Schwarzenberg angegliedert. Im VEB Handklöppelspitze wurde ab 1982 eine zweijährige Lehrausbildung für den Beruf «Handklöpplerin» durchgeführt. Danach arbeiteten die jungen Frauen in betriebseigenen Studios. Durch Überalterung ging die Zahl der Heimarbeiter immer weiter zurück. Mit der Wende schied Frau Ahnert aus dem Unternehmen aus.

All die Jahre bestand ein sehr enger Kontakt zur Barbara-Uthmann-Schule (heute Westsächsische Hochschule Zwickau, Angewandte Kunst Schneeberg). Dort wurden Klöppellehrerinnen und Designerinnen ausgebildet. Diese waren in den Spitzenbetrieben sehr gefragt. Für Frau Ahnert stellten die Mustergestalterinnen die Seelen der Betriebe dar. Neue Muster mußten entworfen, neue Kollektionen erstellt und die Spitzen an die individuellen Wünsche der Kunden angepasst werden. Das wurde nur durch die Begabung und die umfassende Ausbildung der Designerinnen möglich.

Bildernachweis:
Petra Pönisch (2, 3)
Reden: Klöppelspitzen. Verlag der «Deutschen Moden-Zeitung» 1909 (1, 4).

Quellen:
Interview mit Esther Ahnert im Herbst 2000
Reden: Klöppelspitzen. Verlag der «Deutschen Moden-Zeitung» 1909.

© Petra Pönisch 2007-04-22   Impressum